31.12.2023, 19:26h
Liebster Arsène
Herzlichsten Dank für Deinen Brief von heute Morgen. Ein sehr gefühlsvoller Brief. Und der härteste Brief, den ich je in meinem Leben lesen musste. Ich freue mich, dass du im 2024 kommunikativer und kooperativer wirst.
«Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…» Das haben wir im Triathlon-Club in den 90igern des letzten Jahrhunderts x-mal gesagt.
Ich kann nicht kontrollieren, was ein Pfarrer uns an unserer Hochzeit nicht geloben konnte wegen seiner eigenen Lebensgeschichte. Ich kann nur mich kontrollieren. Und ich habe dir am 20. Juni 1992 dieses persönliche Gelübde gegeben:
„Bis dass der Tod uns scheidet.“ Als wir im Hotel Darlux Sex hatten.
Dafür kämpfe ich wie eine Löwin, denn ich liebe Dich. Ich werde mich nie von dir scheiden lassen. Und dies somit auch nicht per New Years Letter kommunizieren.
Das weiss ich nach dem letzten Jahr definitiv.
Den tollen Sex mit dir vermisse ich auch definitiv. Gerne erzähle ich dir persönlich, warum es seit dem Zusammenschlagen der Kastentüre unseres Highboardes damit nicht mehr klappte.
Dies die Antwort, die Jean-Benoît (ein Cousin von Arsène) mir schickte, als ich ihm den Beweis lieferte, den er von meinem Kaltbad im Lac de Fenêtre wünschte:
Ah ah, il manquait le photographe – bise.
O-lala, der Fotograf fehlte – Küsschen.
Ich bin mit Deinem Vorgehen nicht einverstanden und habe uns einen anderen Weg – einen gemeinsamen Weg für ein Team, das, wie Du selbst schreibst, über 30 Jahre zu 90% gut funktionierte. Und auf diese 90% kommt es an. Nicht auf die 10% Negatives, Hindernisse, Hürden, Probleme und Konflikte, die wir teilweise noch nicht lösen konnten. Und damit meine ich u.a. die härteste Prüfung, die man sich vorstellen kann, seit unserem Sabbatical im Jahr 2020: meine Mobbingklage, die bis jetzt grösste Mobbingklage des Schweizer Justizwesens. Ja, diese hat mich krass transformiert. Und Du hast als Ehepartner im gleichen Boot und im gleichen Bett mitfiebern und mitleiden müssen.
Für uns beide nicht sichtbar war ich aber bereits seit ca. 2014 in den Wechseljahren, die den hormonell grössten Transformationsprozess im Leben einer Frau darstellen. «Woman on Fire» heisst der Titel des Buches der Gynäkologin Sheila de Liz. Ich war im Fegefeuer, inneres Feuer inklusive (darum das viele Kaltbaden, um es zu löschen
).
Ich kann nicht kontrollieren, was mein Vater schreibt oder was Deine Mutter sich immer wieder erlaubt mit ihrem mich schlecht-redenden und schlecht-machenden Verhalten. Sie beide haben ihre persönlichen Geschichten, warum sie so sind. Diese haben aber nichts mit uns zu tun. Das möchte ich von nun an loslösen von unserer gemeinsamen Geschichte. Es kommt nicht auf sie drauf an, wir sind nicht mehr von ihnen abhängig wie als Petit-Arsène und als Bassi, wie ich mich als Kleinkind nannte.
Es kommt auf uns zwei drauf an, dass wir respektvoll, loyal und fair als Erwachsene miteinander umgehen. Die Zeit, die wir vor Cléa’s Schwangerschaft als junges Liebespaar hatten, war viel zu kurz, als dass wir uns besser kennenlernen und aufeinander einstellen konnten. Mit Susanne (Arsène’s Jugendfreundin, Anmerkung der Redaktorin) warst du fast 6 Jahre zusammen, mit mir nur zwei, als ich im Skikurs in Davos schwanger wurde nach Deinem Besuch. Wir waren beide mutig genug, diesen gemeinsamen Weg zu beschreiten. Und wir sind 31 Jahre weit gekommen. Wir waren zu 90% erfolgreich mit allem, was wir angingen: Familie, Beruf, gemeinsames Haus, Hobbys, Reisen, Freundeskreis, …. Du kannst die Liste gerne selber bereichern.
Die restlichen 10% ist «Learning by Failure». Gehe dies googeln, setze unseren Nachnamen dazu – und schaue, welcher Name dann erscheint… (unsere 1. Tochter Cléa, Anmerkung der Redaktorin)
Was nach unserer Hochzeit folgte, war Familien-Berufs-Lebens-Stress pur, den wir aber zu 90% im Team gemeistert haben. Darauf kommt es an.
Dies alles nun wegzuwerfen, ist für mich keine Option – so wie es auch in keinem meiner Triathlons eine Option war aufzugeben.
Uns selbstständig weiterzuentwickeln, neue autonome Weg zu gehen, ist auch in einer Partnerschaft möglich. Noch viel schöner sogar, weil man dann seine Freuden teilen kann. Oder sich Hilfe und Unterstützung holen, wenn man mal nicht mehr weiter weiss.
Alles im Leben hat seinen Sinn – das nennt sich Amor Fati. Näheres morgen am 1. Januar 2024.
Auch ich wünsche dir einen guten Rutsch – aus tiefstem Herzen und Amor
.
lichst
Deine Beatrice 
